Nachlese

Fragen an die Welt nach 1989: Die Texte

Beim diesjährigen forum:autoren geht Ingo Schulze auch auf eine persönlich motivierte Spurensuche. 1962 in Dresden geboren und in der DDR aufgewachsen, habe sich für ihn nach 1989 alles verändert. „Nichts blieb, wie es war“, so der Kurator.

Nachdem er in Gesprächen mit Kolleg_innen aus aller Welt bemerkt habe, dass 1989 letztlich überall stattgefunden hat „teilweise dramatisch, teilweise kaum sichtbar“ –, wollte er es genauer wissen: Ingo Schulze bat seine Gäste, sich vorab schriftlich Gedanken darüber zu machen, welche Veränderungen und Folgen sie mit dem Umbruch von 1989 verbinden – oder ob für sie ganz andere Zeitgrenzen relevant sind. Die so entstandenen Texte können Sie hier im Anschluss an die Veranstaltungen nachlesen.

Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Frank Witzel

Herbst 2019

An einem der letzten warmen Herbsttage dieses Jahres saß ich mit einem Bekannten im rundum verglasten Restaurant »Plenum« des Landtags in Stuttgart, direkt gegenüber der Oper. Wir aßen Käsespätzle und Salat mit Kartoffelstroh und er erzählte, dass der erste Tote, den er als Kind gesehen habe, Leonid Breschnew gewesen sei, aufgebahrt als Leichnam während der Trauerfeier am 15. November 1982.
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Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Dževad Karahasan

Die Grenze in der Zeit ist der „Augenblick“ (das Jahr?, das Jahrzehnt?), in dem sich zwei Epochen ganz offensichtlich begegnen, überlappen und ergänzen. Das Doppelwesen der Grenze blickt, wie der Januskopf, gleichzeitig nach vorne und zurück, in die Vergangenheit und in die Zukunft, die Epoche, die es beendet, zeigt es ebenso deutlich wie die Epoche, die es beginnt. >>> zum kompletten Text

Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Judith Schalansky

Die ersten Erinnerungsbilder, die kommen:

Meine Mutter beim Abwasch, wie sie noch mit nassen Händen das Radio lauter stellt. Ihr ungläubiger Blick, das Geschirrhandtuch in der Hand, erstarrt.

Schulbänke, die leerbleiben und Stunden, die ausfallen, weil Schüler und Lehrer nicht zum Unterricht erscheinen. >>> zum kompletten Text

Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Fiston Mwanza Mujila

Kleine Einführung in afrikanischer Geschichte und Geopolitik im Waggon 21 auf dem Weg nach Berlin

Wenn ich in Deutschland reise, nehme ich fast immer den Zug. Ich bin auf dem Weg zu einem Poesiefestival in Berlin. Der Zug hält am Augsburger Bahnhof. Eine junge Frau nimmt gegenüber von mir Platz. Und obwohl ich gerade einen Roman lese, fällt mir trotzdem auf, dass sie mich heimlich beobachtet. >>> zum kompletten Text

Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von César Rendueles

Im Frühjahr 1989 besuchte mein Freund Miguel Ángel, ein pensionierter LKW-Fahrer, die DDR. Die Reise wurde von einem spanischen Kulturverein organisiert, der der Kommunistischen Partei nahestand. Mein Freund war ein ehemaliger antifrankistischer Widerstandskämpfer. Als Kind wurde er während des Spanischen Bürgerkriegs in einem faschistischen Konzentrationslager interniert, viele seiner Freunde wurden ins Gefängnis gesteckt, und er kämpfte jahrzehntelang in der Untergrundbewegung gegen die Diktatur.
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Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Marcial Gala

Fragen aus Kuba

Das Jahr 1989 war in Kuba der Auftakt zur sogenannten „Sonderperiode in Friedenszeiten“, von der Fidel Castro zum ersten Mal öffentlich auf einem Kongress des kubanischen Frauenverbands sprach. Nachdem er dort seinen Blick über die Anwesenden hatte schweifen lassen und ihnen mitgeteilt hatte, sie seien die Schönsten der Welt, bat er sie, nur gut auf ihre schönen Kleider aufzupassen, ihre eleganten Blusen, denn was nun komme, sei arg, eine Zeit, die allen Vorzeichen nach schrecklich werde, aber natürlich, selbstverständlich werde die Revolution standhalten. >>> zum kompletten Text

Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Aleš Šteger

1989 in Deutschland, 1991 in Jugoslawien, ein Anfang, ein Ende, eine Zäsur.
Wie denken wir Zeit, nachdem sie nur noch ein Nachdem ist?
Als zunehmend schwächere Echos einer vergangenen Zeit, die sich meist bloß als zunehmend gewagtere Hypothese des Durchlebten herausstellt?
Wie denken wir ein Ende, das zugleich doch ein Anfang gewesen ist, ja sein musste?
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Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Aura Xilonen

1.9.8.9.1.9.9.0.

Berliner Mauer, Zerfall der Sowjetunion, Einmarsch des Neoliberalismus, sechs Jahre, bevor ich überhaupt geboren wurde, die Welt, immer so schwierig, immer so launenhaft, 18 Jahre ist es her, dass Harry Potter erschienen ist und mich zur Lektüre von Sechshundert-, Achthundert-, Tausendseitenwälzern gezwungen hat, elfsilbig, wie das Rheuma, die Zeit, die uns enteilt, ei, wie uns das Leben enteilt, so klammheimlich, ...
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Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Meena Kandasamy

9. November 1989. Berlin.

Der Fall der Mauer, der Fall der Mauer, der Fall der Mauer. Je nach Auslegung / Artikel: der Kollaps des Kommunismus und der Triumph des Kapitalismus, der Sieg des Volkes über einen allmächtigen Überwachungsstaat, oder aber, der Glaube daran, dass alle Mauern eines Tages eingerissen werden.
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Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Yitzhak Laor

Die Wiederkehr des Kolonialen

Wie die meisten Israelis sah ich mir Ende 1989 im Fernsehen den Sturz Ceausescus an. Es war ein Ereignis, den Aufstand in Bukarest zu sehen. Die wenigen Kommunisten waren die Ausnahme, und wir, ihre wenigen israelischen Freunde, sahen, wie die meisten Anhänger der Linken in unserem Umkreis den Sieg der Freiheit feierten. Ich steckte meine Wut auf die ganze Welt in einen langen Artikel, den ich an die kommunistische hebräische Wochenzeitung sandte. >>> zum kompletten Text

Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Vladimir Sorokin

Teure Bruchstücke

Am 9. November 1989 war ich in München. Ich saß mit meiner Frau in einer Schwabinger Kneipe, wir tranken Dunkles Weißbier und verfolgten wie die anderen Kneipen-Besucher im Fernsehen ein epochales Ereignis: es fiel die Berliner Mauer und mit ihr fiel der Eiserne Vorhang, der 70 Jahre lang die Welt in zwei Lager geteilt hatte. Die allgemeine Euphorie in der Kneipe übertrug sich auch auf uns. >>> zum kompletten Text

Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Wolfgang Kubin

Das Ende der Illusionen

Ich lebe und lehre seit Jahren in China. Ich kann im Unterricht auf Chinesisch sagen, was ich will. Kein Parteisekretär kommt und kritisiert mich. Aber ich darf das Gesagte nicht unbedingt auf Chinesisch in Peking oder in Shanghai publizieren. Da werde ich seit Jahren zensiert. >>> zum kompletten Text

Fragen an die Welt nach 1989: Antworten von Xiao Xiao

Mein 19.8.9 und anderes

Das Literaturhaus von München und das Kulturamt der Stadt München haben mich zur Teilnahme an den Literaturtagen im November 2019 eingeladen. Das Thema lautet „Die Welt von 198.9“. Dazu habe ich etwas aufzusetzen. Die Zahlenreihe 198.9 ruft in mir Schmerzen wach. Sie öffnet meine viele Jahre verstaubte Truhe der Erinnerung. >>> zum kompletten Text


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