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Die Welt und München im Fokus

Einübungen ins Paradies. Fragen an die Welt nach 1989 – der zweite Teil des forum:autoren-Mottos war auch der Titel der von Ingo Schulze konzipierten Gesprächsreihe im Literaturhaus: Jeweils werktags um 18.30 Uhr sprachen zwei Autor_innen verschiedener Nationalitäten über die Folgen des Umbruchs von 1989. Basis für diese Begegnung bildeten vorab verfasste Texte, in denen die Gäste beschrieben, welche Veränderungen sie mit dieser Zäsur verbinden – oder ob für sie andere Zeitgrenzen relevant sind. Die Texte können Sie hier nachlesen.

Mit Unterwegs in München entwickelte Schulze zudem ein Lesungsformat für Münchner_innen, die vielleicht nur unter Schwierigkeiten am Literaturfest teilnehmen könnten. Während des forum:autoren besuchten nachmittags einige Schriftsteller_innen hiesige Einrichtungen und Institutionen: Manja Präkels las bei dem Kinderprojekt Arche, Marion Brasch im Münchenstift, Frank Witzel im Theateratelier München und Ingo Schulze mit Dževad Karahasan in der Frauenabteilung der JVA Stadelheim. Buchstäblich unterwegs in München war der Kurator dann am Mittwoch, den 20. November 19: Gemeinsam mit Aleš Šteger ging es unter dem Motto Literaturfest mit BISS** mit kurzen Lesungen durch die andere Seite der Stadt.

„Bei uns in München hat sich doch nichts verändert!“ Diesen Satz hat Ingo Schulze oft gehört, wenn es um die hiesigen Folgen des Mauerfalls ging. Daher wurde der Fokus bei der Abschlussveranstaltung am Samstag, den 23. November noch enger gestellt: Für Im Westen nichts Neues? hat Schulze seine Münchner Kolleg_innen Katja Huber, Fridolin Schley, Dagmar Leupold und Tilman Spengler gebeten, die Veränderungen in unserer Stadt seit 1989 zu beschreiben. Ergänzt wurden ihre literarischen Perspektiven durch die von Münchner Bürger_innen. Auch diese Texte gibt es hier für Sie zum nachlesen.

Gedanken über den hiesigen Wandel macht sich Fridolin Schley übrigens auch als Redakteur des Literaturportal Bayern: Seit Anfang Oktober untersucht dort eine Journal-Reihe die Folgen des Kriegsausbruchs 1939 und des Mauerfalls fast genau 50 Jahre später.

Schley selbst liegt eine Verherrlichung der Vorwendejahre fern. Dennoch vermisse er den „Zwischenzustand als Lebensgefühl der Stadt“, denn: „Dazwischen: das sind Übergänge, in denen Gespenster wandeln.“ Heute erscheine ihm München manchmal „wie die Ästhetik seiner digitalen Abbilder – kristallklar, glatt und ein bisschen leblos“. Mittlerweile habe ja sogar die New York Times erkannt, was in den „70ern oder 80ern bloß die Leser der Abendzeitung schon wussten“: Munich is finally getting cool.

(Text: Tina Rausch)


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